A Champ from Wild Wild West(steiermark)

Nachdem eine gute Freundin auf meine rhetorische Frage „Muss man sich da wirklich so herrichten?“ mit einem „Ja“ geantwortet hat, liegt er – der Cowboyhut, schwarz, ausgeliehen von einer Freundin – jetzt alibimäßig auf meiner Rückbank. Dort bleibt er schlussendlich auch und wird nicht aufgesetzt, zum Glück. Mehr Cowboy geht nicht, echt nicht.

Nach 1 ½ Stunden Fahrt finde ich mich jetzt irgendwo im Nirgendwo in der Nähe von Wiener Neustadt wieder. Zwischen Hunden und Pferden. Zwischen Countrymusik und Cowboystiefeln. Zwischen Kitsch und Klischee, aber irgendwie passts. Ich tauche nicht nur in eine mir völlig fremde Westernwelt ein, sondern auch in den Sand zu meinen Füßen, für den sich meine Schuhe – sonst spritz- und schüttresistent bei Feiereien in Kottu, Kultus & Co. – eher ungeeignet zeigen. Immerhin weisen mir die Pferdeäpfel den Weg zum Reitstall, wo ich unser neuestes Mitglied der Spritzweinjugend treffe.

Während sie ihr Pferd mit allerhand Utensilien bestückt, von denen ich als Pferde-Nullnummer überhaupt und absolut keine Ahnung habe, muss ich erkennen, dass die Namen der Vierbeiner an den Stallboxen eher an Sternenkrieger – z.B. Black Magic Master, na servas – erinnern, als an Westernpferde.

Die fesche Südweststeirerin und ihr KC (vollständiger Name: Kaliz Cool Creek) machen sich auf den Weg zum Austragungsort. Der Schauplatzwechsel bringt auch einen Stimmungswechsel mit sich: Vom Krieg der Sterne zu Dallas. Die Countrymusik aus den Lautsprechern wird lauter und auch die Klientel, mit der wir es hier zu tun haben, gibt sich standesgemäß in Karohemd, Jeans und Stiefeln.

Ich befinde mich auf einem Turnier der NRHA (National Reining Horse Association). Thank God there’s Wikipedia. Reining ist die in Europa populärste Disziplin im Westernreiten, in der Tempowechseln, schnelle Drehungen und abrupte Stopps durch gekonnte Zügelhaltung und Gewichtverlagerung erzielt werden.

Sie ist die erste Starterin an diesem Tag. Zugegeben, als Laie ist man beim ersten Zusehen heillos überfordert. Galopp, Rückwärts, Vorwärts, Stopp, Drehung, großer Zirkel, kleiner Zirkel, bistu deppert. Nach knapp drei Minuten ist die Vorführung zu Ende, die Jury vergibt die Punkte.

Sie wirkt nicht wirklich zufrieden, es geht um die Jahreswertung, sie muss im September wieder starten, um ihre Führung zu verteidigen. Sie ist wahnsinnig tough, die Zielstrebigkeit steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Man spürt richtig den Spirit, den Ehrgeiz, der hinter dieser Sportart steckt, die einem wohl verborgen bleibt, kennt man nicht zufällig eine erfolgreiche Westernreiterin persönlich. Ich will mehr erfahren über einen unheimlich aufwendigen Sport und vor allem über das Cowgirl aus der Südweststeiermark.

 

jane

 

Genau dort verschlägt es mich knapp einen Monat später auch hin, wo ich die 21-Jährige beim Training begleiten darf. Die Atmosphäre im steirischen Schilcherland erinnert mit dem Reitstall inmitten von herbstgrünen Wiesen und Bäumen eher an Heimatfilm als an Western – aber nur auf den ersten Blick. Im Stall, wo ich sie treffe, wirkt der Mix zwischen Hunden, Pferden und Cowboystiefeln wieder vertraut. Mindestens fünf Mal in der Woche kommt sie hierher, um ihren KC zu reiten. Da interessiert mich natürlich, welche Rolle die Reiterei in ihrem Leben spielt. „Neben meiner Ausbildung bei der Polizei ist es sicher der größte Teil in meinem Leben. Die ganze Freizeit dreht sich um das Training oder die Hin- und Rückfahrten von den Turnieren. Auch jetzt wo die Turniersaison vorbei ist, muss ich schauen, dass KC immer bewegt wird und gut durchgymnastiziert ist.“ Wir Laien können uns das so vorstellen, als würde das Pferd pumpen gehen, bis die Wettbewerbe im nächsten Jahr wieder starten.

Apropos Wettbewerbe: Ich frage sie nach ihrem letzten Antritt bei einem Turnier Ende September. „Wir haben in unserer Klasse (Rookie Lv. 1) den ersten Platz geholt. Das war mein persönlicher Highscore, der beste Ritt meines Lebens.“ Man(n) verkneife sich jegliches schmutzige Lächeln …

Nach ein bisschen spätpubertärem Humor können wir uns jetzt ihren weiteren Erfolgen zuwenden. Nach dem Gewinn der steirischen Landesjugendmeisterschaft 2013 wollte sie es wissen und arbeitete intensiver an ihrem Können – mit Erfolg. „Ich wurde zwei Mal Dritte bei der Österreichischen Meisterschaft. Bei der Europameisterschaft in Polen leider ‚nur’ Achte, aber da war allein schon die Stimmung in der Arena mit dem Publikum einen Antritt wert. Heuer sieht es ganz danach aus, als würde die Jahreswertung auf mein Konto gehen, aber mein größter Erfolg war sicher der Sieg bei der ‚Americana’, einem Jugendförderungsprogramm in Deutschland.“

Gutes Stichwort. „Ich wollte schon immer nach Amerika auf eine Ranch, vor zwei Jahren habe ich mir diesen Traum nach der Matura erfüllt.“ Sie bejaht mir meine Frage, ob das Westernreiten in Arizona wirklich so klischeemäßig zelebriert wird, wie man sich das vorstellt. „Es kann schon vorkommen, dass man abends mit den Cowboyhüten und –stiefeln in eine Bar geht. Alles in allem ist der Sport dort einfach viel populärer und professioneller.“

Nach unserem Gespräch lehne ich an einem Holzzaun und beobachte sie beim Trainieren. Ihr KC wirkt wirklich beeindruckend, man hat Respekt vor dem Neunjährigen. Den Respekt vor ihm spüre ich nun am eigenen Leib. „So, jetzt bist du dran.“ Ich muss zugeben, ich scheiß mir sonst nix, aber, bistu deppert, mir geht die Pumpe. Im Grunde ist es wie beim Fliegen: Wenn man mal oben ist, ist es eigentlich ganz geil. Als sie mir die Zügel allerdings selbst in die Hand drückt und ich nun Herrscher über 1 PS bin, bricht die frischgewonnene Selbstsicherheit doch wieder ein. Fast 22 musste ich werden, um einmal auf einem Gaul sitzen zu dürfen. Sorry, auf einem echten Westernpferd eines echten Cowgirls aus der Steiermark.

 

Ihr Name ist Jana Vondrak. Sie ist jetzt Teil der Spritzweinjugend.

 

Kontakt:

Jana Vondrak auf Facebook

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