Katja allein zu House

Man hat die Wahl zwischen Bio-Limonaden, Tees mit echtem Grünzeug oder Spritzwein aus besten Lagen und entscheidet sich schlussendlich für ein Mineral. Die, die dann doch mehr Hipster sind als ich und zu Garnelen Sencha-Tee bestellen, sitzen vor MacBooks, hocken über Lernunterlagen oder mustern durch die Glasfront hindurch Passanten auf ihrem Weg durch den Grazer Spätherbst. Ich mag die Szene. Allerdings werde ich mich gleich nicht mehr auf dem zugegeben etwas unbequemen Plastikstuhl im Kultlokal, sondern auf dem Boden einer anderen Szene wiederfinden. Natürlich nur gedanklich, aber unser neues Spritzweinjugend-Mitglied schafft es, durch bloßes Erzählen eine Welt lebendig werden zu lassen, die für einen Außenseiter wie mich ziemlich klischeehaft wirkt. „Weit weg von der kommerziellen Hip-Hop-Tanzszene gibt’s noch die „echte“ Hip-Hop-Szene, die die Kultur (Rap, Graffiti, DJing und B-Boying) aufrecht erhält. Vielleicht schon ein bisschen so, wie man es sich als Laie vorstellt.“

Die fesche Südweststeirerin gestikuliert und lächelt und nimmt einen ganz schnell mit in ihre Hip-Hop- und House-Welt. Vor mittlerweile 14 Jahren hat sie die Leidenschaft zum Tanzen entdeckt, die sie bis heute auf nationale und internationale Bühnen geführt hat. Beim Durchforsten ihrer Social-Media-Kanäle sind mir während der Recherche einige Tanzvideos aufgefallen, auf denen man im Hintergrund Pokale aufblitzen sieht – ein Zeichen für tänzerische Erfolge? „Ja, mit fünf hat das mit dem Tanzen angefangen und ich hab schon früh an Wettbewerben teilgenommen. Später dann mit dem Missy Dance Club im Bereich Showdance oder als Duo gemeinsam mit einer Freundin. Mittlerweile liegt der Fokus der 19-Jährigen jedoch auf sogenannten Battles in der urbanen Tanzszene. Ich erfahre von einem Projekt namens ALL AUT fe.males, das laut FB-Page „sowohl die Unterschiede als auch die Verbindung zwischen verschiedenen Tanzstilen“ repräsentieren möchte. „UNITY ist strong, Austria is BIG“ lautet das Motto. Von dieser Verbindung, diesem Zusammenhalt schwärmt auch unsere Südweststeirerin, Mitglied dieses Tanzprojekts. Ich muss meine Frage nach dem genauen Ablauf eines Tanz-Battles nicht stellen, sie scheint sie vorauszuahnen und nimmt mich mit.

Spätestens jetzt verschwimmt die Hipster-Welt um mich herum und ich finde mich am Boden in einem dunklen Raum wieder, beschallt von elektronischen Klängen, umgeben von jungen Männern und Frauen in weiten Pullis und Jogginghosen. Wir, das Publikum, bilden einen Kreis, eine Art Arena in unserer Mitte. Dort stehen sich Tänzer gegenüber, eine von ihnen ist unser neuester Zugang in der Spritzweinjugend. Sie beginnt zu performen. Die Bewegungen wirken fließend, gelassen, akrobatisch, nicht einstudiert aber gekonnt. Sie nähert sich ihrem „Gegner“ und scheint ihn und sein Tanztalent herausfordern zu wollen. Sie wird ruhiger, zieht sich in ihren Teil des Feldes zurück. Die Menschen applaudieren, rufen ihr zu. Ihr Gegenüber beginnt.

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B the Beat 2015 – Katja im House-Finale; Foto: Paul Buchegger
Es fasziniert mich, wie sie mich durch ihr leidenschaftliches Erzählen in ein mir fremdes Universum holen kann. Ich bereue schon fast, noch nie ein solches Event besucht zu haben. Nach dieser kleinen Gedankenreise zurück im Bobolokal will ich wissen, wie sich die 19-Jährige ihre (tänzerische) Zukunft vorstellt. „Das Tanzen nimmt mit der Teilnahme an Battles und dem Austausch mit Anderen aus der Szene zwar den größten Platz in meinem Leben ein, zum Beruf machen möchte ich es allerdings nie. Ich möchte ohne Druck tanzen und immer nur dann, wenn mir danach ist.“ In naher Zukunft möchte sie eine Ausbildung zum Makeup Artist absolvieren und im Frühling 2017 die Aufnahmeprüfung an einer schwedischen Tanzschule. Danach will sie allerdings studieren und eben nur tanzen, wenn sie wirklich Lust dazu hat. Das kann auch schon mal an ungewöhnlichen Orten sein. „Wenn ich meine Kopfhörer drinnen hab, kann ich überall tanzen. Egal ob am Flughafen oder im Bad. Die Leute lachen natürlich, schütteln manchmal den Kopf, aber das ist mir in dem Moment scheißegal. Besonders blöd wird man natürlich bei roten Ampeln angeschaut, wenn man gerade abgeht während man wartet.“

Als Zuhörer wirkt man mitgenommen und bleibt doch fragend zurück, wenn man selbst keine Erfahrungen mit dieser Materie gemacht hat. Sie versucht mir das Gefühl zu beschreiben. „Kennst du das, wenn alles plötzlich schwebend leicht wird und dein Verstand vom Bewusstsein und Freisein verdrängt wird? Wenn es sich so anfühlt, als würde die ganze Energie aus einem rausfließen? So ist das Freestylen bzw. Tanzen für mich und ich kann guten Gewissens sagen, dass ich süchtig danach bin.“

 

Ihr Name ist Katja Schliefsteiner. Sie ist jetzt Teil der Spritzweinjugend.

 

Kontakt:

Katja Schliefsteiner auf Facebook

 

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