Wenn Rocky eine Frau wäre

Viel hat unser heutiger Treffpunkt, die Dachterrasse eines Grazer Szenecafés, nicht mit dem Ring gemeinsam, den unser neues Spritzweinjugend-Mitglied normalerweise (erfolgreich) besteigt. Auch ihr Gegenüber, ein Student mit MacBook und Verlängertem, vulgo: ich, hat weniger Lust auf einen Kampf als vielmehr auf ein Interview mit ihr. Gespannt begrüße ich also „die Frau, die zuschlagen kann“, wie es kürzlich in einem Artikel der Kleinen Zeitung hieß. Mir präsentiert sich an diesem überdurchschnittlich warmen Wintervormittag allerdings eine Frau, die in kurzer Zeit sportliche Höchstleistungen vollbracht hat und äußerst sympathisch von zukünftigen Wettkämpfen erzählt. Eine Frau, die sich am 25. Februar den Europameistertitel im K1 (Stilrichtung des Kickboxens, in der Stöße mit dem Knie erlaubt sind) sicherte. Und das, obwohl sie erst vor circa drei Jahren „alibimäßig“, wie sie sagt, mit dem Kickboxen begonnen hat. Mit der Einstellung „Schau ma mal, dann seh ma schon“ bestieg die heute 24-Jährige im September 2014 das erste Mal einen Wettkampfring in Bregenz und musste auch gleich ihre erste Niederlage einstecken. „Dann hat mich der Ehrgeiz so richtig gepackt. Ich hab mir gedacht: ‚Das gibt’s ja nicht, dass die das schafft und ich nicht.‘ Von da an hab ich begonnen, zwei bis drei Mal pro Woche zu trainieren.“ Mittlerweile trainiert die Oststeirerin täglich von Montag bis Freitag mit ihrem Trainer. Samstags ist dann Ausdauer- und Muskeltraining an der Reihe. Im März 2016 bekam sie mit Hrvoje Kisasondi einen neuen Coach und der „fährt ein anderes Programm“, wie sie schmunzelnd sagt. Anfangs war die hohe sportliche Intensität neben ihrer Arbeit im Office Management allerdings schwierig für die fesche Kämpferin. „Ich hab mich gefragt: ‚Ist das wirklich das, was du willst?’ Aber mein Trainer hat mich körperlich und mental immer unterstützt und an mich geglaubt. Ich hab dann selbst schnell gemerkt, dass sich das Training bezahlt macht. Auch der Obmann meines Vereins, Heribert Reiser, war menschlich und sportlich eine Stütze für mich.“

Nur einen Monat nach Trainingsstart mit ihrem neuen Coach wurde die 24-Jährige bereits Staatsmeisterin in ihrer Gewichtsklasse. Im Mai 2016 erzielte sie dann bei der Amateur-Weltmeisterschaft des WAKF (World All-style Kickboxing Federation) mit dem ersten Knock-Out einer Gegnerin den Weltmeistertitel im Amateurbereich und „einen riesigen persönlichen Erfolg.“ Anfang 2017 konnte die gelernte Bürokauffrau den Europameistertitel im Rahmen der Veranstaltungsreihe Warriors Destiny in ihrer Heimat Weiz erkämpfen. Solche Siege sind für sie allerdings kein Grund, sich zurückzulehnen. „Der echte Kampf beginnt schon viel früher und nicht erst im Ring. Oft trainiert man zwei Monate auf einen Fight hin und nach zehn Minuten ist dann alles wieder vorbei. Man muss sich selbst sofort wieder kurz- oder mittelfristige Ziele setzen, sonst sackt man ab.“ Ein solches Ziel ist aktuell der Kampf gegen die dreifache Weltmeisterin im Kickboxen, Patricia Apolot, am 28. April. Derzeit analysieren die Oststeirerin und ihr Trainer durch Videomitschnitte die Kampftechnik der Weltmeisterin und arbeiten an einer Strategie für den Fight im afrikanischen Uganda.

Neben dem K1 bestreitet unser neues Spritzweinjugend-Mitglied auch Bewerbe in Savate, einer französischen Kampfsportart. In dieser Disziplin wurde sie im Assaut (Leichtkontakt) Dritte bei der Weltmeisterschaft in Kroatien. Im Juni will sich die Powerfrau (Hell yeah, der Name war noch nie so gerechtfertigt!) auch im Combat (Vollkontakt) bei der Weltmeisterschaft in Kroatien versuchen.

Vollkontakt, Knock-Out … klingt ziemlich martialisch, hm? Verständlich, wenn ihr während des Lesens die Melodie von „Eye of The Tiger“ im Ohr habt. Auf meine dementsprechend großen Augen und meine Frage „Und ihr schlagt euch da auch in’s G’sicht und so?“ kann sie nur lachend erwidern „Ja, auch in’s G’sicht und so“. Gröbere Verletzungen sind für die 24-Jährige bis jetzt aber zum Glück ausgeblieben. „Ein blaues Auge war das Wildeste, aber ich hab’ ja das Glück ein Mädchen zu sein und Schminke verwenden zu können.“ Obwohl sie in ihrer bisherigen Sportkarriere keine schlimmeren Blessuren oder Cuts davongetragen hat, schaut sich die Mutter der Oststeirerin die Kämpfe meist nur mit vorgehaltener Hand an. Die andere Hand ist dann wohl für das Daumendrücken zuständig. Großen Rückhalt erfährt die Sportlerin aber nicht nur von ihrer Familie, sondern auch von ihren Freunden und ihrem Partner. „Umso mehr tut es mir leid, dass ich nicht mehr bei jeder Feier dabei sein kann, denn das Training und die Vorbereitung auf die Bewerbe nehmen einfach wahnsinnig viel Zeit in Anspruch.“

Man merkt, dass nach den Siegen der letzten Monate ein kleiner Tiger in der 24-Jährigen geweckt wurde. Losgelassen – und da bin ich mir sicher – kann dieser Tiger in Zukunft durch Muskelkraft und Siegeswillen, Sympathie und Menschlichkeit noch einige Titel in die Steiermark holen. In diesem Sinne: Let’s get ready to rumble!

 

Ihr Name ist Carina Greimel. Sie ist jetzt Teil der Spritzweinjugend.

 

Kontakt:

Carina Greimel auf Facebook

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