Baguettes, Bücher und der Mut zum Neuanfang

Wenn wir das Wort „Frankreich“ in die Suchmaschine namens Hirn einspeisen, öffnet sich als erstes die Klischeeschublade und wir denken an Baguette und Wein, den Eiffelturm, Terror, Rechtspopulismus und europäische Werte. Nachdem ich nun die Geschichte einer steirischen Autorin kenne, die 2010 nach Paris ausgewandert ist, denke ich bei „Frankreich“ zuerst nicht an Wein (auch nicht an Spritzwein!), sondern an sie und ihr Leben zwischen Lesungen und Hoteljob, zwischen Realität und Fiktion. Realität ist an diesem Frühsommertag in Graz leider auch das schlechte Wetter, das uns zum Interview in die Ecke eines kleinen Innenstadtcafés zwingt. Dort angekommen, bestellt sich mein Gegenüber einen Chai Latte mit Polsterzipf und beantwortet meine Fragen in einem Dialekt, wie ich ihn so noch nie gehört habe. Sieben Jahre Frankreich lassen sich nicht verstecken – und das ist gut so. In ihren Sätzen hört man ihre Heimat Dietersdorf genauso heraus wie Paris und den Süden Frankreichs, wo sie aktuell lebt. Sie spricht – schnell und wortgewandt – als würde sie gerade einige Seiten schreiben. Trotzdem wird man als Zuhörer nie versucht, ihr einen Punkt in den Redeschwall zu werfen; zu viel hat die 29-Jährige zu erzählen vom Pariser Vorstadtleben und ihren zwei Büchern.

Dabei ist sie damals nicht in die französische Hauptstadt ausgewandert, um ein Buch zu schreiben, sondern aus Liebe zur Hip-Hop-Kultur. „Das ist eine Kultur, zu der ich mich schon seit meiner frühen Jugend zugehörig fühle. Nach Paris bin ich gegangen, weil es dort ein irrsinnig gutes Tanzniveau gibt. Und vielleicht auch, weil ich einfach mehr von der Welt sehen wollte. Ich habe mein Anglistik-Studium in Graz abgebrochen und meine Sachen gepackt. Zu der Zeit hat mein Leben gerade nur aus Tanzen, Schlafen und Essen bestanden.“ In der französischen Hauptstadt hat sie dann an sogenannten Tanzbattles teilgenommen. „Als ‚Fremde’ war es in der Pariser Hip-Hop-Szene jedoch nicht ganz leicht für mich. Es fiel mir schwer, an mich zu glauben, deshalb hab’ ich mich dann dem Tanzen ab- und dem Schreiben zugewandt. Mittlerweile tanze ich zwar wieder, aber das Schreiben nimmt einen erheblich größeren Teil meines Lebens ein.“ Gute Entscheidung. Denkt man sich zumindest als Leser, wenn man die ersten Seiten von Blassrosa überfliegt. Auf 254 Seiten hat unser neues Spritzweinjugend-Mitglied all das gepackt, was ihr das Leben in der Pariser Vorstadt einige Jahre lang serviert hat: Multikulti, Generationenkonflikt, Missverständnisse, Freundschaften und die berühmte zweite Chance. Doch inwieweit hat sie dieses Vorstadtleben selbst als Mensch verändert? Got a little French Girl in you? „Dass ich fast täglich Baguettes kaufe klingt doch ziemlich Französisch, oder? Dem Weinkonsum der Region hab’ ich mich allerdings nicht angepasst und das habe ich auch nicht vor. Soviel zur Spritzweinjugend. Ich bin bestimmt reifer als früher und hab’ eine weitaus kritischere Sichtweise unserer Gesellschaft gegenüber. Meinen Werten und Vorstellungen bin ich aber bestimmt treu geblieben.“

Das Thema „Neuanfang“ spielt nicht nur in ihrem ersten Werk eine große Rolle, sondern auch im Leben der 29-jährigen Steirerin. „Eigentlich habe ich schon zwei Neuanfänge hinter mir. Der Umzug von Paris in den Süden war fast ein genauso großer Schritt wie der Umzug von Österreich nach Frankreich, auch wenn diesmal mein Freund bei mir war und ich die Sprache beherrscht hab’. Die Mentalität ist total unterschiedlich. Anfangs hab’ ich große Schwierigkeiten damit gehabt, mich zu integrieren. Jetzt fühle ich mich endlich so richtig wohl hier.“ An der französischen Südküste jobbt die junge Autorin nachts an einer Hotelrezeption. Wenn die Gäste „in die Traumländer verschwinden“, bleibt ihr Zeit, um sich dem Schreiben zu widmen. „Hin und wieder erleb’ ich bei der Arbeit auch ganz schöne Abenteuer, die mich wiederrum auf neue Ideen bringen und inspirieren.“ Und so kann es schon vorkommen, dass ein kurioser Hotelgast sich in ihrem zweiten Werk wiederfindet – auch wenn das im heimischen Graz angesiedelt ist. Der Regionalkrimi Blutrot oder warum ist der Eber tot? wirft neben der Frage nach dem Mörder einige gesellschaftskritische Aspekte auf, verzichtet jedoch nicht auf die nötige Portion Spaß, wie mir die Autorin erzählt, während sie ihren Chai Latte austrinkt und feststellt: „He, das schmeckt ja genauso gut wie bei uns in Frankreich.“

Ob sie den Schritt der Auswanderung noch einmal wagen würde, wenn sie sich den Schwierigkeiten vorher bewusst wäre, kann sie nicht sagen. Aber für die 29-Jährige ist klar: „Weg will ich aus Frankreich in nächster Zeit sicher nicht.“ Naja, zum Glück kennen Worte keine Grenzen. Die Bücher der jungen Autorin werden bestimmt auch aus Frankreich weiterhin den Weg in die heimischen Buchhandlungen finden, denn unser erster Spritzweinjugend-Import schreibt schon wieder. Zum Glück.

 

Ihr Name ist Tharina Wagner. Sie ist jetzt Teil der Spritzweinjugend.

 

Info:
Die Sommerlektüre von Tharina Wagner gibt’s hier: Blassrosa & BlutrotAm 24.8. liest die junge Autorin aus ihrem Werk Blutrot in der Griesgasse, 8020 Graz (Uhrzeit folgt in Kürze).

 

Kontakt:

Tharina Wagner auf Facebook

Tharina Wagner – Blog

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